
Gedankensplitter zum Guardini-Tag 2025
Geradezu kritisch quer zum Wellness-Grundrauschen der heutigen Fit-For-Fun-Gesellschaft mit ihrer Trilogie Fitness, Ernährung und Gesundheit setzte der Guardini-Tag Mitte Februar 2025 in der Katholischen Akademie München ein ganz anderes Nahrungsmittel, ja Lebenselixier auf die Tagesordnung: Beten und Gebet.
An das heiligste Innere, an den Kern und die innere Mitte des Menschseins ging also die Tagungsfrage, vorgespurt an den Denkwegen des Religionsphilosophen Romano Guardini (1885-1968). Beten? Schnee von gestern, verstaubt, unzeitgemäß mag man erwidern. Und es war der Beweis zu erbringen, dass die Tagungsbeiträge zeitgemäß unzeitgemäß einschlugen, also im besten Sinne kritisch-stimulierende religionsphilosophische Analysen bereithielten.
Der Auftakt (Montag 17. Febr. 2025) klassisch. Eröffnungsgottesdienst mit Bischof Gregor Maria Hanke OSB aus Eichstätt. Die Lokation bedeutend: St. Ludwig in München. Universitätskirche. Hier predigte Romano Guardini viele Jahre als rector ecclesiae…[1] Hier befindet sich seine Grabstätte.[2]
Am Abend ein Auftaktpodium. Bischof Hanke im Gespräch mit Akademiedirektor Dr. Achim Budde. „Vorschule des Betens“ lautete das Thema. Und damit wurde Bezug genommen auf eine Veröffentlichung Guardinis aus dem Jahr 1943.[3]
Nur „ein von Sehnsucht erfüllter Mensch“ könne beten, legte Hanke aus und betonte die Bedeutung des Herzens beim Gebet.[4] Zwei in Fragen der Liturgie profilierte Gesprächspartner trafen da – zum Glück nicht in allem deckungsgleich - aufeinander.
Nach einer langen Anreise war man aufgewärmt. Die Nächte in München kalt, bis minus acht Grad. Am Tag strahlender Sonnenschein. Es war glatt, rutschig und angetaut matschig im Englischen Garten vis-à-vis.
„Die Psalmen und das Gebet der Sammlung“ lautete der erste Vortrag am Dienstagmorgen (18. Febr. 2025) von Prof. Ludger Schwienhorst-Schönberger. Ein römisch-katholischer Theologe, bis 2022 Universitätsprofessor für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Wien. Der Blick des Fachmanns, ruhig und unprätentiös vorgetragen, enthielt bemerkenswerte Analysen und Verweise. „Alle Regungen der Menschen befinden sich in den Psalmen“, zitierte er den Kirchenvater Athanasius. Prof. Schwienhorst-Schönberger unterstrich damit, dass sich Guardini zurecht mit der Weisheit der Psalmen intensiv beschäftigt habe.
Phänomenologie und Lebensphilosophie streifend, schritt der Alttestamentler das Gebet der Sammlung mit Verweisen auf Scheler, Buber, Marcel und Heidegger ab. Darüber hinaus gab er interessante Einblicke zu den „geistlichen Sinnen“, die bspw. Karl Rahner zu Origenes und Bonaventura schon 1932/33 in französischer Sprache herausgearbeitet hatte, die Guardini kannte und nahm Bezug auf die Anwendung der Sinne in den ignatischen Exerzitien, zu denen Guardini kritisch stand.[5] Kleine theologische Tupfer, auch bei den Nachfragen waren hörenswert. Die christliche Religion sei keine Buchreligion, vielmehr „bezeuge“ die Bibel das Wort Gottes, betonte der Vortragende mit Verve. Auch interessant zu vernehmen, dass die Psalmen und Jesaja am häufigsten im Neuen Testament zitiert seien. Man darf auf den Abdruck des Beitrags in der Akademiezeitschrift „zur debatte“ sehr gespannt sein.
Mit Spannung erwartet wurde der Beitrag der Religionsphilosophin Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, die seit Jahrzehnten unermüdlich Guardini beforscht und immer noch Neues zutage befördert. „Das Jahr des Herrn im Rosenkranz. Zur Beziehung von Christologie und Mariologie bei Guardini“, lautete ihr Thema. Der Rosenkranz sei ein Christusgebet, stellte sie gleich – mit Guardini – voran. Guardini habe den Rosenkranz sehr geliebt, auch zahlreiche Rosenkränze gesammelt, aber etwas mochte er nicht: dass man ihn während der Hl. Messe betete.
Die Beschäftigung mit Guardinis „Versuchen“[6] über das Rosenkranzgebet sei hoch interessant. Gerl-Falkovitz führte aus, dass Guardini eigene Gesätze zum Rosenkranz, bspw. in dem Betrachtungsbuch „Das Jahr des Herrn“ formuliert habe.[7] Er habe sogar Inhalte der Bergpredigt meditativ und zugleich alltagsgerecht als Rosenkranz-Gesätze formuliert. Die Religionsphilosophin warb darum, das Verhältnis Maria und Jesus, das sich im Rosenkranzgebet verdichte, eng von der Bibel her zu betrachten. Guardini spreche von einem Bezug „heiliger Sympathie“, von einem „flutenden gegenseitigen Verstehen“. Es gehe darum, Gestalt und Schicksal des Herrn im Lebensbereich der Mutter zu erkunden.
Nach diesem Auftakt am Vormittag hatten die Besucher die Möglichkeit, eine kleine Dauerausstellung mit den von Guardini gesammelten Rosenkränzen zu besichtigen.
Wichtige Fragen zum Thema Gebet, die Romano Guardini im Laufe seines Lebens bedacht und bearbeitet hatte, wurden in vier Nachmittagsworkshops mit sehr profilierten Moderatoren intensiver betrachtet. Die Frage „Wie spricht Gott?“, die „Liturgische Bewegung“ und ihre erste Krise, die „Zweifel am Gebet“ und die Bedeutung der „Stille“ im Denken Guardinis.[8]
So wurde das Feld immer weiter gesteckt, so dass – klug arrangiert - am Nachmittag und Abend mit dem Film „Wo ist Gott?“ mit Impulsen der Regisseurin Sandra Gold aus München der zunehmenden Fülle, ja Uferlosigkeit des Tagungsthemas Beten und Gebet Ausdruck verschafft wurde.
„Die Sprache des Gebets an der Grenze des Sagbaren.“ Der evang. Theologe und Dichter Dr. Christian Lehnert aus Leipzig nahm die Zuhörenden in einem bemerkenswerten Vortrag mit an diese Grenze. Im großen Saal der katholischen Akademie hielten viele den Atem an, so wort- und bildmächtig, zugleich sensibel tastend war dieser „Grenzgang“ angelegt und vorgetragen.
Eine ganz neue Facette eröffnete der Kunsthistoriker Prof. Wolfgang Augustyn aus München am Mittwochmorgen (19. Febr. 2025). Mit Beispielen aus der Kunst ging er der Frage nach „Wie soll man beten?“ Eine erste Spur legte er mit dem Bild des „Betenden Knaben“ des griechischen Erzgießers Boidas aus dem 3. Jahrhundert v.Chr. vor, die eine Orantenhaltung zeigt. Stehen sei die übliche Gebetshaltung der frühen Kirche bis zum Mittelalter gewesen. Prostration, Niederwerfen und Kniebeuge seien monastischen Ursprungs. Erst im 12.-15. Jahrhundert sei das Knien und Hände falten aufgekommen und habe das „Stehen“ als religiöse Laxheit diskreditiert. Seit dem 18. Jahrhundert finde sich in der Kunst das Knien dauerhaft. Das Beten mit verschränkten Fingern beleuchtete er an einer berühmten Zeichnung Vincent Van Goghs aus dem Jahr 1880. Das Vatikanum II habe sich zurückhaltend bzgl. der Verbindlichkeit geprägter Gebets-Formen geäußert.
„Nicht die Anstrengung, sondern die Anbetung ist das Endgültige.“ Mit diesem berühmten Zitat aus der Schrift „Vom Geist der Liturgie“[9] fasste im Schlussvortrag der Religionsphilosoph und Fundamentaltheologe Prof. Thomas Brose aus Berlin das große Thema „Beten und Gebet“ für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen. Nur wer Gott kennt, kennt den Menschen, führte er - Guardini weiter zitierend - aus. Der Begriff Gott sei ein unvergleichliches Wort, mit keinem Wörterbuchwort des Dudens vergleichbar. Brose legte dar, dass das ganze Denken Guardinis um die Gottesfrage kreise. Dies sei auch ein Weg zu einer vertieften kontemplativen Haltung gewesen. Zahlreiche Protagonisten zog er für diese These heran: Michael Krüger[10], Pascal, Ernst Jünger, Thomas von Aquin („Kontemplation als höchste Form der Arbeit“), Karl Rahner, Heinz-Robert Schlette, Marie-Luise Kaschnitz. Der kontemplative und geradezu mystische Ansatz bei Guardini sei eine auch heute zeitgemäße Antwort auf agnostische Lebenseinstellungen, sowie naturalistische und technisch grundierte Weltbilder.
Parallel und auch zum Abschluss der Tagung waren die Teilnehmenden vielfach eingeladen, sich lebendig-konkret mit dem Thema Beten auseinanderzusetzen. Dies zeigt noch einmal die ganze Dichte der Tagungskomposition: Laudes in der Hauskapelle und Gelegenheit zum Rosenkranzgebet. Erfahrungsaustausch mit Patrik Schwarz von der Katholischen Akademie über das Gebet als „heiligem Spiel“. Besuchsmöglichkeit von mehreren Ausstellungsinstallationen in einem kleinen Raum der Akademie, jeweils mit Kurzvorträgen:
1) Die oben schon erwähnte Rosenkranzausstellung.
2) Impressionen vom „Rückzugsort“ Guardinis, der Villa Isola Vicentina im norditalienischen Vicenza. Der bei der Tagung anwesende Max Oberdorfer hatte im Jahr 2007 die Möglichkeit, Fotos der Villa der Familie Guardini (Mutter und Geschwister) und des wunderschönen Parks anzufertigen, die soeben in einem kleinen Band kommentiert und mit Geleitworten versehen im EOS-Verlag erschienen sind.[11]
3) Der Politikwissenschaftler und Theologe Helmut Zenz stellte im gleichen Akademieraum bedeutende Funde aus Guardinis Privatbibliothek vor. So das golden-farbige Primiz-Bild von 1910, von dem bislang nur eine schwarz-weiß-Kopie bekannt war. Darüber hinaus bedeutende handschriftliche Einträge Guardinis (zu Karl Barth, Bischof Konrad von Preysing, Martin Heidegger u.a.).
Mit einer Exkursion (Führung von Helmut Zenz) von14.00-16.30 Uhr, die ausgewählte Stationen von Bogenhausen bis in den Lichthof des Universitäts-Hauptgebäudes in den Blick nahm, endete die Tagung. Zenz führte dabei lebendig vor Augen, wo und wie Guardini in München lebte, welche Beziehungen er pflegte und wie seine Fuß- aber auch Denk-Wege waren, oder genauer: vermutlich gewesen sind.
Anmerkung
Der vorliegende Blog-Beitrag ist eine Art Gedächtnisprotokoll des Verfassers und zeigt auch, wie manche Gedanken weitergelaufen sind. Persönlich habe ich bei der Tagung einen Vortrag als „grundlegende Einführung“ zum Thema „Beten und Gebet bei Romano Guardini“ vermisst. Natürlich sind die 80-100 Besucher der Veranstaltung vielfach Guardini-Kenner und selbst tief in der Materie. Der Austausch miteinander ist fast familiär, sehr anregend und immer auf hohem Niveau. Aber gilt es nicht auch, Menschen neu an Guardini heranzuführen?
Bei der raschen Durchsicht meiner Guardini-Literatur fielen mir folgende Bücher in die Hände und eine solche sammelartige Vorstellung mit kurzen Bemerkungen hätte ich mir gewünscht: Der Kreuzweg unseres Herrn, Der Rosenkranz Unserer Lieben Frau, Gebet und Wahrheit, Das Gebet des Herrn, Vom Geist der Liturgie, Theologische Gebete, Das Jahr des Herrn, Weisheit der Psalmen, Vorschule des Betens, Deutscher Psalter, Der geistliche Mai etc. pp.
Und wenn man in die umfangreiche Literatur Guardinis „reinblättert“, kommen weitere Perlen zum Vorschein. Zum Vortrag von Dr. Christian Lehnert las ich im Nachgang das Kapitel „Die religiöse Sprache“ aus dem Werk „Sprache, Dichtung, Deutung“ (S. 9-34). Ein Hinweis auf „Tugenden. Meditationen über Gestalten sittlichen Lebens“, hier die letzten Beiträge „Sammlung“ und „Schweigen“, hat mir als Ethiker gefehlt. Und auch „Das Gute, das Gewissen und die Sammlung“. Die geistlichen Übungen „Wille und Wahrheit“ bergen das schöne Kapitel „Das Wesen der Meditation“ (S. 15ff.). Das Kapitel „Vom Beten“ in den „Briefen über Selbstbildung“ (S. 135-170). Und auch so mancher Beitrag aus der Festschrift „Interpretation der Welt“ aus dem Jahr 1965, wenn man ganz weit springen will.
„In Dingen des Gebetes darf man keine starren Regeln aufstellen, sondern jeder mag seinem Herzen folgen“,[12] formuliert Guardini im Einleitungskapitel zu „Gebet und Wahrheit“. Das ist eine sehr niederschwellige Einladung. Ein Angebot, das in den Spannungen und Stürzen unserer Zeit, die alles Sinnenhafte und Sensible dem ökonomischen Nutzen, der Technik und den Abstraktionen opfert, ein Stachel im Fleisch ist.
Beten! Zeitgemäß unzeitgemäß.
[1] Anm.: Wer sich für Romano Guardini als Prediger in St. Ludwig interessiert, dem- bzw. derjenigen sei die Schrift „Berthold Gerner: Romano Guardini in München Band 3 Teil A (Prediger in St. Ludwig) hrsg. von der Katholischen Akademie in Bayern 2002, empfohlen.
[2] Anm.: Ursprünglich wurde Romano Guardini auf dem kleinen Priesterfriedhof von St. Laurentius an der Seite seines Freundes Philipp Dessauer beigesetzt. 1997 wurden Guardinis Gebeine in die Seitenkapelle der Münchner Universitätskirche St. Ludwig umgebettet.
[3] Anm.: Die erste Auflage der „Vorschule des Betens“ erschien im Frühjahr 1943. 2. Aufl. 1947 mit zahlreichen Überarbeitungen. Matthias Grünewald Verlag Mainz.
[4] Anm.: Eine Berichterstattung über das Gespräch findet sich auf der Internetseite des Bistums Eichstätt. https://www.bistum-eichstaett.de/aktuell/aktuelle-meldungen-details/news/nur-ein-von-sehnsucht-erfuellter-mensch-kann-beten-bischof-hanke-beim-guardini-tag/
[5] Vgl. zum Thema den lesenswerten Beitrag von Pater Karl-Heinz Neufeld SJ aus Osnabrück aus dem Jahr 2010 über die „Anwendung der Sinne“ in den ignatischen Exerzitien: https://www.akademie-rs.de/fileadmin/user_upload/download_archive/religion-oeffentlichkeit/100626_neufeld_beruehren.pdf
[6] Romano Guardini: Über das Rosenkranzgebet. Ein Versuch. (1944?), in: Wurzeln eines großen Lebenswerks. Aufsätze und kleine Schriften, Band 3, Mainz 2002, S. 237-252.
[7] Romano Guardni: Das Jahr des Herrn. Ein Betrachtungsbuch, Mainz 1. Aufl. 1946. Zweite durchgearbeitete Auflage 1953. Anm.: Nach Vorbemerkungen Guardinis zum Rosenkranzgebet bis Seite 37, folgen Betrachtungsgedanken nach der Ordnung des Kirchenjahres, für Feste mit gleichbleibenden Daten und für einzelne Glaubenswahrheiten und Lebensanliegen.
[8] 1) Wie spricht Gott? Guardinis melodisches Verständnis von Gebet, Gemeinschaft und Spiritualität (Dr. Gabriel von Wendt), 2) Die erste Krise der Liturgischen Bewegung (1919). Oder: Warum Guardini die „Vorschule des Betens“ (1943) seinem Freund Cunibert Mohlberg OSB widmete (Stefan K. Langenbahn), 3) Zweifel am Gebet? (Dr. Ulrich Pohlmann), 4) Gebet und Stille im Denken Guardinis (Prof. Yvonne Dohna Schlobitten)
[9] Anm.: Hintergrund zu Romano Guardini als Förderer der Liturgie bietet Berthold Gerner: Romano Guardini in München, Band 3, Teil B: Förderer der Liturgie, hrsg. von der Katholischen Akademie in Bayern, 2005. Darüber hinaus die umfangreichen Veröffentlichungen von Stephan K. Langenbahn. Und auch Joseph Cardinal Ratzinger: Von der Liturgie zur Christologie, in Ders. (Hrsg.): Wege zur Wahrheit, Düsseldorf 1985, S. 121-142.
[10] Anm.: Zu Michael Krüger findet sich in Stimmen der Zeit (1.12.2008) ein interessanter Beitrag von Prof. Georg Langenhorst mit dem Titel: Ein "gut getarnter Mystiker": Religion und Gottesrede bei Michael Krüger https://www.herder.de/stz/wiedergelesen/ein-gut-getarnter-mystiker-religion-und-gottesrede-bei-michael-krueger/
[11] Max Oberdorfer (Hrsg.): Romano Guardini. In Memoriam Isola Vicentina. Mit Beiträgen von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Irene Favaretto und Dominik Fröhlich. 2025 EOS Verlag Sankt Ottilien.
[12] Romano Guardini: Gebet und Wahrheit. Meditationen über das Vaterunser. Erste Taschenbuchausgabe 1988, Matthias Grünewald-Verlag, Ostfildern, S. 19. Anm.: Den unveränderten Nachdruck des Buches durch die Verlagsgesellschaft topos Plus Kevelaer im Jahr 2019 hat Hanjo Sauer in der Theologisch Praktischen Quartalschrift 3/2021 (S.332) deutlich kritisiert. https://books.google.de/books?id=GDg4EAAAQBAJ&pg=PA332#v=onepage&q&f=false
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